Babyblaue Prog – Ashes for the Monarch Review (German)

Babyblaue Prog

Thanks to Harald Schmidt from Babyblaue Prog Reviews for the following review:

Glacier aus UK sind eine jener Bands, die eine ellenlange Historie – Gründung bereits 1979 –, aber kaum Alben vorweisen können: Erst 22 Jahre nach Gründung erschien 2001 das Debut Monument, weitere 14 Jahre später der Zweitling Ashes For The Monarch. Zwischen beiden Alben besteht musikalisch kein signifikanter Unterschied, trotz der langen Jahre dazwischen. Glacier haben sich voll und ganz dem klassisch-britischen Neo-Prog verschrieben – mit allen Konsequenzen.

Der Opener scheint unglücklich gewählt. Obschon er quasi die Melodie des Abschlusstracks des Vorgängeralbums wieder aufnimmt, geht das musikalisch etwas in die Hose. Ein insgesamt überkandidelt bedeutungsschwangeres Intro mündet in einen simpel stampfenden Rhythmus – zu sehr rückt dieser Auftakt das Album in AOR-Nähe. Das bekommt die Band im weiteren Verlauf dann weitgehend wieder korrigiert mit Versatzstücken, die mal an Abel Ganz und Casino, dann wieder an die unvermeidlichen frühen Marillion, Pendragon oder leichtere Camel-Alben erinnern.

Klanglich ist man nicht ganz auf Höhe der Zeit: Das Schlagzeug wirkt etwas steril, wie überhaupt der Synthetik-Touch der Aufnahmen recht auffällig ist. Einen Volltreffer hingegen landet man mit dem vergleichsweise häufigen Einsatz der Violinen, was den Neo-Prog-Sound schön erweitert. Das Album verströmt in jeder Sekunde die typische neo-proggige Britishness. Das liegt an sehr symphonischen Arrangements und zahlreichen hörspielartigen Klangschnipseln (wenig originell, aber eben zur Rezeptur gehörend), die den Erzählcharakter unterstreichen sollen. So sehr diese einmal angesagt waren, so störend unterbrechen sie im dreiteiligen Track Projections den musikalischen Fluss, nehmen Spannung heraus anstatt diese aufzubauen. Dafür hat man mit dem vollen und kräftigen Gesang und fetten Gitarrensoli ein paar ordentliche Pluspunkte auf der Habenseite.

Die erste Albumhälfte ist vorbei und man ist irgendwie noch nicht ganz angekommen bei Glacier. Die Stücke sind schon sehr unterschiedlich ausgefallen und der Hörer wartet ein wenig auf das alleszusammenhaltende Element. Die Antwort darauf liefert der Longtrack One Man Alone: Dieser wird regelrecht angebahnt von dem vorangestellten gut zweiminütigen Akustik-Gitarren-Spiel Lightwing und ist zudem auch noch 22:56 Minuten lang. Ein Schelm, wer Foxtrot dabei denkt!

One Man Alone reißt das Album heraus, zeigt was in Glacier steckt – hier werden alle Facetten des Neo-Progs auf hohem Niveau aufgefahren: Fette Chöre, rasante Rhythmuswechsel und treibende Violinen-Parts sorgen für viel Bewegung. Dazu gesellen sich recht ungeniert Sequenzen, die mehr oder weniger identisch bei Yes (Drama), ELP, IQ (späte Orford-Phase), dem frühen Steve Hackett oder auch Genesis (Cinema Show) zu finden wären. Das ist einerseits frech, andererseits auch sehr liebenswert, denn One Man Alone legt nicht nur ein gutes Tempo vor, sondern ist für Glacier das, was Grendel für Marillion oder Last Man On Earth für Pendragon war. Das Stichwort Grendel ist gar nicht so unpassend, denn auch hier gibt es schnelle Läufe an Tasten und Gitarre, polternde Drums, atmosphärisch-flächige Keyboards mit viel Bombast, schnelle Keyboardsoli, ätherische E-Gitarren und das alles wird gekrönt von schönen Violineinlagen und elegischen Gitarrensoli.

So bräuchte man den abschließenden Vierminüter an sich gar nicht mehr, aber sei’s drum, es ist ein schöner Abschluss und One Man Alone klingt innerlich noch nach. Gegenüber dem Debut gerät Ashes nicht ganz so ausgewogen. Noch auf Monument – das allen Neo-Proggern an dieser Stelle auch herzlich empfohlen sei – war die Qualität gleichmäßiger über das gesamte Album verteilt und auch die Produktion hätte man sich nach 14 Jahren etwas organischer und weniger digitalisiert gewünscht. Ashes For The Monarch ist perfekt für Old-School-Neo-Prog-Fetischisten geeignet, denn weniger Innovation (selbst für Neo-Prog-Verhältnisse) ist kaum vorstellbar. Aber dafür ist es schöner melodischer Prog in seiner typischen Form – und wie sollte man auch modernisierten oder gar innovativen Neo-Prog denn benennen? Da fiele mir gar kein passendes Schlagwort ein. Bis zum nächsten Glacier-Album – vermutlich Ende der 2020er – haben wir die Aufgabe der Begriffsfindung hoffentlich zufriedenstellend lösen können – irgendwann kann man jeden Schubladen-Begriff einmal brauchen.

Highlight Track – One Man Alone

10/15 Points – Harald Schmidt – Babyblaue Prog Reviews